Feinstes Leder

FeinstesLeder     Lustlos ließ er von ihr ab und fiel rücklings in die klammen Laken. Alles um ihn herum verzerrte sich zu grotesker Langsamkeit. Die fette Fliege, die den Weg heraus nicht fand und stoisch gegen das blinde Fenster brummte. Das epische Kreisen des Ventilators, reduziert auf sein schabendes Geräusch. Schweiß sammelte sich in seiner Drosselgrube. Mit der Kuppe ihres Zeigefingers zeichnete sie dem Rinnsal den Weg, bis sie wie beiläufig ihr Ziel erreicht hatte und mit festem Griff begann, seine erschlaffte Männlichkeit zu reiben. Ihr fordernder Blick gab ihm den Rest. Sie war gänzlich unbefriedigt. Gereizt fingerte er sich eine Zigarette aus der Schachtel und saugte gierig an der knisternden Glut. Rittlings setzte sie sich auf ihn, presste ihre Lippen auf seinen Mund, nahm seinen Rauch in sich auf und blies ihm provozierend ins Gesicht. Dann begann sie, ihre nasse Scham auf ihm zu reiben. Er stieß sie von sich, küsste besänftigend das Rosentattoo auf ihrem prallen Busen und verließ das Bett. Schmollmündig sah sie ihm nach und hörte, wie er den quietschenden Wasserhahn in der Küche aufdrehte. Eine ganze Weile hielt er seinen Kopf unter den kalten Strahl. Kurz darauf ratterte die Kaffeemaschine. Als er schließlich mit frischem Espresso wieder im Türrahmen stand, nackt, die Kippe lässig im Mundwinkel, machte sie es sich ungeniert selbst. Schnell und hart. Dabei ließ sie ihn nicht aus den Augen. „Geh zum Teufel“, sagte er, zog an seiner Zigarette und verließ die Wohnung.

Es war ungewöhnlich heiß. Seit Tagen schon zeigte das Thermometer über dreißig Grad. Drückend stand die Hitze zwischen den Häusern. Bis vor wenigen Jahren war der kleine Ort im Hessischen Hinterland ein beliebtes Ausflugsziel für Familien gewesen, ebenso für Jugendliche auf ihrem Weg, der klammernden Geborgenheit eben dieser zu entfliehen. Als ein junges Pärchen spurlos verschwand, wurde dem noch kaum Beachtung geschenkt. Die Ausreißer würden schon wieder auftauchen, sobald die schillernd faszinierende Seifenblase ihrer Verliebtheit geplatzt sei an den stumpfen Spitzen der Realität. Aber sie kamen nicht wieder. Und gerieten in den alltäglichen Sog des medialen Vergessens. Bis in zwei aufeinander folgenden Jahren im Spätsommer mehrere junge Mädchen verschwanden. Das jüngste gerade vierzehn Jahre alt. Doch erst als der kleine Junge verschwunden war, wurden die Behörden aktiv. Der Campingplatz wurde geschlossen, ebenso der Baggersee im angrenzenden Steinbruch, und auch der unsäglich trostlose Spielplatz, auf dem der Junge zuletzt gesehen worden war.

Öffentliches Leben fand seither kaum noch statt in dem kleinen Kaff. Drei Alte saßen noch in dem einzigen Café und würfelten. Ihr Klappern war das einzige Geräusch. Die meisten jungen Leute hatten die Ödnis längst verlassen. Der einzigen Hauptstraße folgend Richtung Autobahnkreuz Nord, dem Anschluss Hoffnung, wie die Gebliebenen es nannten. Auch die damals zahlreichen Geschäfte hatten aufgegeben. Bis auf eines. „Schuhfachgeschäft Gebrüder Teuffel 1928“ war einst in goldenen Lettern kunstvoll an die Fassade gemalt. Längst verblichen, der Lack blätterte. Das Schaufenster war mit Samt ausgelegt. Die Auslage meist leer. Hin und wieder stand ein einzelnes Paar Schuhe zum Verkauf. Maßgefertigt nach alter Handwerkskunst. Ein Preisschild hätte der interessierte Betrachter vergebens gesucht, und hinter der verstaubten Scheibe der Ladentüre war täglich zu lesen „Heute geschlossen“.

Als er zurück kam war es still in der Wohnung. Er hatte den Nachmittag am Rande des verwaisten Beggersees verbracht. Er genoss die trostlose Kühle am schwarzen Wasser. Seit sie hier seinen Kiosk für die Badegäste geschlossen hatten, arbeitete er nicht mehr. Noch zu den besten Zeiten hatte er geerbt. Nicht viel, aber es reichte für ein bescheidenes Leben in der Provinz. Der Zettel klebte an seiner alten Siebträgermaschine von damals. Sie wollte eine Freundin besuchen und abends zurück sein, hatte sie in ihrer leichten Schrift notiert. Aber sie kam nicht. Auch nicht am nächsten Tag. Und als er drei Tage später versuchte sie anzurufen, war ihr Handy ausgeschaltet. „Lass´ Dich nicht ein mit dem jungen Ding“, hatten alle gesagt.

Etwa eine Woche nach ihrem Verschwinden stand ein neues Paar Schuhe in dem alten Geschäft an der einzigen Hauptstraße Richtung Autobahnkreuz Nord. Leichte Halbschuhe, kunstvoll gefertigt aus feinstem Leder. Die Kappe des linken Schuh´s zierte eine Rose.

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