Oma´s Kochbuch

OmasKochbuch     Manches ändert sich nicht. – Und lässt sich, größter Anstrengung zum Trotze, nicht ändern. Sorgfältigste Planung ad absurdum, sich jährlich wiederholend. Dem stillen Gesetz der Vorweihnachtszeit folgend, bäumt sich der christlich beseelte Teil der Menschheit etwa eine Woche vor der angeblich heiligen Nacht gegen alle Besinnlichkeit und beginnt kollektiv durchzudrehen. Längst Liegengebliebenes, ja Vergessenes sogar muss um jeden Preis noch abgearbeitet werden, um sich die rechtmäßige Teilnahme an der einzig stillen, friedvollen Nacht des Jahres zu verdienen. Und nein, ich erhebe mich nicht, ergeht es mir doch seit Jahren genau so. Einigen Menschen, Geschäftspartnern und Freunden wollte ich am letzten Arbeitstag vor der unaufhaltsam um sich greifenden Glückseligkeit wenigstens ein paar ruhige Tage wünschen …

Befindet Mensch sich, wie ich, in der glücklichen Situation, den religiösen Teil dieser im Ursprung heidnischen Tradition teilnahmsvoll lächelnd ignorieren zu können, verspricht dieser Umstand ein Mehr an Zeit für persönlich Vernachlässigtes. Kurz vor Abfahrt in Richtung des alljährlichen Großfamilienweihnachtsstelldicheins also schnell noch die Notizbücher aus dem Arbeitszimmer, samt Laptop und loser Zettelsammlung, in eine Tasche gepackt. Knapp sechshundert Kilometer Zeit zu träumen. Formlos auf Fetzen gekritzelte Ideen zu einer längst fälligen Kurzgeschichte formen, die fehlende Strophe des letzten Gedichtes ins Reine formulieren. Vielleicht wenigstens die Notizen der letzten zwei Monate durchgehen und strukturieren. Gelegentlich unterbrochen durch unerklärliche Spurwechsel der Vorausfahrenden, und Aufmerksamkeit fordernde Einwände der Mitreisenden: „Papa, ich muss Pippi!“, oder „Wann sind wir endlich bei Oma?!“.

… und allein mit dieser letzten Frage ist das Universum wieder im Lot, die Träume am richtigen Platz auf der Prioritätenliste unseres geheimsten Wunschzettels. Atmen wir also tief durch und gönnen uns einen kleinen Moment der Ehrlichkeit. Genau darum geht es doch. Um die Familie. Und allen voran die Stammeskönigin. Aber das haben wir alle vorher gewußt. – Was also bedeuten die Buchstaben, Begriffe, Sätze, vorformulierte Zeilen und Absätze auf losen Zetteln, in abgegriffenen, speckigen Notizbüchern? Die gesammelten Ideen, Striche und Skizzen?

Für die nächsten Tage bedeuten sie … nichts. – Wenn das Jahr sich gen Ende neigt, bleibt nur ein Buch von Wichtigkeit. Oma´s Kochbuch. Das Buch der Weisheit. Die einzig wahre Bibel. Wer gut isst, der streitet nicht. Eine Erkenntnis, der sich selbst die Werbestrategen von Kaufland heuer nicht länger entziehen konnten. In diesem Sinne: frohes Fressen!

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