Der Taucher

Zu Beginn hatten sie sich noch angeregt unterhalten. Hatten ihre Strategie abgestimmt für den Termin am nächsten Morgen. Die notwendigen Entscheidungen waren längst von anderen getroffen worden. Einsparungen mussten umgesetzt werden. Und wieder würden ein paar auf der Strecke bleiben. Klar. Es ging nur um die Zahlen. Nüchtern. Emotionslos. Wie immer. Nur keine Gefühlsduselei jetzt.

Sie kannten sich seit dem gemeinsamen Studium in der Provinz. Seit Jahren arbeiteten sie jetzt für die selbe Firma. Der Andere war schon immer der Zielstrebigere gewesen. Stets Kopfmensch, immer auf den Punkt. Schwarzweiß. War ja auch einfach, so ohne Familie. Und jetzt war er sein Chef.

Noch ein wenig Geplänkel über die Kollegen. Ein paar zotige Witze über die Neue am Empfang. Wahrlich eine Pracht, das junge Ding. Prall und saftig. Er aber war glücklich. Verheiratet mit der Einen. Der Dritte in ihrem Bunde hatte die Berge geliebt. Seit einem halben Jahr war er jetzt weg. Mitte dreißig. Burnout wurde gemunkelt. Die einzige Postkarte kam aus Luzern.

Den Rest der Fahrt hatten sie geschwiegen. Die Klimaanlage ihres schwarzen Dienstwagens machte seit dem letzten Stau merkwürdige Geräusche. Das Außenthermometer zeigte vierunddreißig Grad. Er dachte an seine Frau und die Kinder.

Am Abend saßen sie in der schäbigen Bar des abgewohnten Hotels. Eine Lampe flackerte. Sein Gin Tonic schmeckte schal. Und dann fing der Andere schon wieder an, die Strategie zu feiern. Diese Arroganz machte ihn plötzlich wütend. „Hast Du schon mal daran gedacht, etwas neues zu machen?“, fragte er unvermittelt und unterbrach den Monolog des Anderen. „Nein, Du etwa?“ war die kühle Antwort. Ja, hatte er. Immer öfter in letzter Zeit. „Was willst Du denn machen? Tauchlehrer etwa?“. Der Andere lachte überheblich laut. „Du kannst doch nichts anderes. Wer bist Du denn ohne mich?“. Er lächelte nur, kippte den Rest seines Getränkes in die Vase mit den Plastikblumen und ging auf sein Zimmer. Das war vor drei Wochen gewesen.

Der Andere war spät dran. Aber die Kleine vom Empfang hatte er einfach flachlegen müssen. Er brauchte dringend Aspirin. Als er an diesem Morgen sein Büro betrat, sah er den Zettel auf seinem Schreibtisch sofort. Er kannte die Handschrift seines Freundes. „Blubb!“, gekritzelt auf ein Stück Papier. „Öfter mal ´was Neues“, dachte er. Langsam ging er zum Fenster.

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