Kammerflimmern

Er war genügsam. Immer schon. Als sie ihm sagten, es würde nicht reichen für´s Gymnasium, fühlte er so etwas wie Erleichterung. Mehr Zeit für sich. Dabei hatte er keine nennenswerten Hobbies. Meistens lag er nach der Schule im Bett und träumte vor sich hin. Träumte davon, ein Rockstar zu sein. Bon Jovi´s Six Gun Lover. Die Menge tobt. Der tosende Applaus katapultiert ihn in den Olymp der Glückseligkeit. Klägliche Höhepunkte unter der Bettdecke. Wer wollte schon einen pickeligen Helden.

Kurz vor seinem Realschulabschluss. An einem dieser belanglosen Samstag Abende, die er für gewöhnlich in der Disco verbrachte, traf er sie. Vielmehr sie ihn. War sie es doch, die zu ihm kam und fragte, ob er sie von seiner Limo trinken ließe. Tanzen macht ja so durstig. Dann tranken sie Vodka Bull. Er schaute ihr zu wie sie tanzte. Auf dem Weg zum letzten Bus hielten sie sich bei der Hand. Bevor sie einstieg küsste sie ihn. Er nahm sie, weil sie ihn wollte. Zwei Wochen später fickten sie unbeholfen im Keller des Hochhauses, in dem sie mit ihren Eltern wohnte. Alle machten es. Sagten sie.

Um dem mahnenden Drängen der Eltern zu entkommen, absolvierte er eine Banklehre. Mit Auszeichnung. Sogar in der Zeitung war er. Jahrgangsbester. Und bald gewährte er anderen die Kredite zur Erfüllung ihrer Träume. Und kündigte sie, wenn die Träume geplatzt waren. Er – war er selbst geblieben. Genügsam. Sie waren zusammengezogen in diese kleine, adrette Dreizimmerwohnung in der Vorstadt. Den Kombi hatte er bar bezahlt. Als die Sehnsucht an seiner Seele zu zerren begann, war es zu spät. Sie war schwanger. Also verschob er seine Bedürfnisse auf später. Irgendwann.

Sie zogen ihr Kind groß, das ihn mit seiner Lebhaftigkeit oft überforderte. Ihr Eheleben war unbeholfen geblieben. Sie kannten es nicht anders. Ein einziges Mal nur hatte er dem Sehnen nachgegeben. Das war, nachdem er sie nach dem Abendessen auf dem Tisch hatte nehmen wollen. Pervers. Sie hatte ihn abgewiesen. Und als er sich am nächsten Abend in seiner verletzten Eitelkeit im Puff entblößte, blieb seine Männlichkeit ein quälender Wunsch. Auch die feuchten Lippen von Monique aus Paris konnten daran nichts ändern. Da war er Mitte vierzig.

Manchmal liebten sie sich noch kläglich. Nichts ekstatisches. Tische sind zum Essen da. Ihr Kind war das einzige geblieben. Umsorgt von der Mutter. Als es fortging, wurde es ruhig. Er kramte die alten Platten aus dem Keller. Zur Pension schenkten sie ihm eine goldene Uhr. Irgendwann war jetzt. Endlich.

Nicht ganz drei Wochen später war er tot. Die Obduktion ergab lapidar ein plötzliches Kammerflimmern.

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